Das Leuchten der Galaxis

Das Leuchter der Galaxis

Von
Beon.Hardronu.Suur

Nacherzählt von
Heinz-Ulrich Tenkotten


Kapitel 1

Absturz ins All

Tom saß im Garten hinterm Haus und langweilte sich. Sommerferien. Alle seine Freunde waren weggefahren.
Die Sonne schien warm, und eigentlich hätte Tom ja ins Freibad gehen können, doch was sollte er da alleine? Schwimmen und sich fit halten? Trübe Wochen standen bevor, auch wenn das Wetter schön blieb. Denn seine Eltern mussten arbeiten, eine Urlaubsreise konnten sie sich nicht leisten. Das war 
deprimierend.
Tom saß also in seinem Lieblingsliegestuhl im Garten und trank einen Schluck Cola. Sein Handy lag unbeachtet neben ihm im Gras.
Hinter der Hecke, im Garten von Nachbarin Schmitz, jaulte leise der Hund Suse. Wahrscheinlich schlief das Vieh im Schatten und träumte. Das faule Biest.
Irgendwo in einem Baum gurrten Tauben.
Vorsichtig hievte Tom sich aus seinem vor Schweiß klebenden Sitz. Er robbte langsam über den Rasen, in einer Hand hielt er sein Glas mit Cola. An der Hecke richtete er sich blitzschnell auf und leerte es auf die andere Seite aus.
Wie beabsichtigt, gab die Töle erschrocken Laut, heulte und begann wütend zu kläffen. Tom zog sich rasch ins Haus zurück. Gleich würde der Kopf von Nachbarin Schmitz über der Buchsbaumhecke aufgehen wie ein fetter Mond in einem Fantasy-Game. Und sie würde schimpfen und toben. Da wollte er lieber unsichtbar sein. Denn das Keifen einer erwachsenen Frau wirkte echt noch lächerlicher, wenn es sich gegen einen unbesetzten Liegestuhl richtete.
Tom ging zum Kühlschrank in der Küche. Er brauchte eine neue, eine kalte Cola. Zufällig blickte er aus dem vorderen Fenster zur Straße.
Und da sah er sie. Sie, ein schräges Mädchen, mit einem altmodischen Stadtplan.
Sie war gekleidet, wie man sich im Sommer normalerweise nicht kleidete. Eine dicke, aber bunte Strickjacke hing ihr über die Schultern.  Darunter trug sie eine Art Norwegerpullover.  An den Füßen hatte sie Wollsocken – und feste Schuhe, wie zum Wandern.  Eine Mütze, wollen und giftgrün, hatte sich irgendwie zwischen den leuchtend roten Haaren eingenistet, die ansonsten hauptsächlich wild nach hinten standen.
»Da muss sie doch grüne Augen haben«, dachte Tom und zuckte zusammen, als sie aufsah. Sie schaute direkt durchs Fenster. Und tatsächlich. Sie hatte grüne Augen. Und Sommersprossen. Na klar.
Sie blickte Tom an. So als hätte sie geahnt, dass sie beobachtet wurde.
Sie hüpfte auf dem Gehsteig und winkte ihm zu.
Tom winkte zurück und fragte sich, was er jetzt wohl machen sollte. Da erinnerte er sich an Frau Schmitz und ihr Colakontaminiertes Hündchen. Deshalb öffnete er einfach die Haustür und betrat den Gehsteig.
»Hey«, sagte er zu dem Mädchen mit dem Stadtplan.
»Hey«, antwortete sie.
Aus Richtung der Gärten ertönte ein spitzer Schrei und dann »Was hat denn meine Suseee???«
Das Mädchen blickte sich misstrauisch um und strich ihr Haar zurück.
»Nur meine Nachbarin, Frau Schmitz«, sagte Tom. »Stellt sich dämlich an wegen ihrem Hund. Du hast einen Stadtplan?«
»Gut beobachtet«, antwortete das Mädchen, das gar nicht schwitzte.
»Patentgefaltet«, sagte Tom.
»Genau«, erklärte das Mädchen.
»Was bedeutet, dass er sich selbst zerstört, wenn man ihn benutzt«, wollte Tom bemerken. 
Da hallte Frau Schmitz' Gekreische erneut zwischen den Häusern. »Igitt. Dein Schnäuzelchen klebt ja, mein Liebling. War das wieder dieser gemeine Junge von nebenan? Hat er dich mit seinem Saft vollgespritzt?«
Eben radelte Frau Heimchen, eine andere Nachbarin, vorbei und glotzte blöde. Das Mädchen wandte sich rasch zur Seite, als ob sie nicht erkannt werden wollte.
Tom grinste. »Warum hast du kein Navi?«
»Was?«, fragte das Mädchen.
»Eine App. Routenberechnung und so. Navigationssystem.«
»Hab' ich, aber das funktioniert hier nicht.«
»Nicht?«, fragte Tom verblüfft und sah nach oben. Als ob da ein defekter Satellit zu entdecken sei. Ganz weit weg, ganz hoch, kroch ein glänzendes Flugzeug über den strahlend blauen Himmel.
»Das war keine Mücke, die dich geärgert hat.« Wieder toste Frau Nachbarins Stimme bis zur Straße.
»Wo wohnt Rufus?«, fragte das Mädchen. Etwas nervös.
»Wer will das wissen?«, fragte Tom zurück.
»Ich«, sagte das Mädchen.
Tom blickte sie an. Sie war bestimmt dünner, als ihre dicke Kleidung sie aussehen ließ. Aber sie schwitzte scheinbar tatsächlich nicht in den abgedrehten Klamotten. Sie kratzte sich nur an ihrem Oberschenkel die Haut, denn zwischen den Socken und der kurzen Strickhose waren die Beine nackt, immerhin. Vielleicht doch ein Zugeständnis an den Sommer.
»Ich? Wer ist ich?«, fragte Tom.
»Verzeihung«, sagte da das Mädchen. Ihre Augen blitzten und ihre Sommersprossen tanzten. »Olive«, erklärte sie.
»Wie die – die Tarnfarbe?«, fragte Tom.
»Eher wie die Dinger auf der Pizza. Bloß gesprochen wird's ohne ›e‹.«
»Ich bin Tom«, sagte Tom. »Auch ohne ›e‹. Aber eigentlich mit ›h‹ und ›as‹.«
»Aha«, antwortete das Mädchen und strich wieder ihre Haare zurück. Kein Wunder, dass die schräg nach hinten standen.
»Ich meine, ich heiße Thomas, genannt Tom.«
»Gut – Tom.  Rufus, den suche ich.«
»Ich kenne nur einen Rufus.«
»Vielleicht ist das ja der richtige.« Olive kratzte sich wieder am Bein. »Er soll hier im, in der – Ginstergasse? – wohnen.«
»Möchtest du eine Cola?«, fragte Tom.
»Nein, ich möchte zu Rufus.«
»Ich hab' sogar kalte im Kühlschrank. Und keine Erzeuger weit und breit.«
»Rufus«, erinnerte ihn Olive.
Tom fing schon an, den Kerl zu hassen. »Na schön, er hockt immer in dem kleinen Laden, bei Bernhard.«
»Der Raumöffner«, sagte Olive nachdenklich.
»Eh, ja – so ähnlich. Er hat einen Schlüsseldienst neben der Apotheke. Dort – am Ende der Straße.« Tom wischte vage mit der Hand durch die Luft.
»Gut!«, sagte Olive, rückte die Mütze in ihren roten Haaren zurecht, und stiefelte los.
»Ich kann dich hinbringen«, rief Tom und machte einen hastigen Schritt.
»Danke, aber laufen kann ich schon alleine«.
»Warum hast du eine Mütze auf bei der Wärme?«, fragte Tom verzweifelt dem Wolljackenrücken hinterher.
Doch Olive wedelte mit dem Stadtplan und stakste davon. Sie sah sich nicht einmal um.
»Ich sollte ihr nachgehen«, dachte Tom. Außerdem lauerte jetzt bestimmt Frau Schmitz hinterm Haus und der wollte er erst einmal die Gelegenheit geben, sich abzuregen.
Olive war schon weit weg.
Langsam setzte Tom sich in Bewegung ...


Tief sind die dunklen Abgründe der Galaxis, wollte man sie nicht unendlich nennen. Dies ist die Geschichte eines Jungen, der in sie hinabstürzte, in die Tiefe, in die ungeheuerliche Leere eines grenzenlosen Alls – denn er ging auf die Quest, auf die Suche. Auf die Suche nach einem Mädchen, das er verloren glaubte, weil es ihm geraubt und entzogen wurde in den Raum. Und dass er irgendwo dort vermutete, wo im stummen Vakuum die Sterne funkeln.
Durchaus uralt, die Geschichte, doch auch immer wieder neu. Vor allem dem, dem sie widerfährt.

Beon.Hardronu.Suur
Share by: